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Cholera und weitere Infektionskrankheiten

1. Die häufigsten Todesursachen damals

Viel wichtiger als alle Eingriffe der Medizin war der Wandel der Lebensbedingungen. Zur Jahrhundertwende lebten große Teile der Bevölkerung unter heute unvorstellbar elenden Bedingungen. Dunkle, feuchte Wohnungen, Kinder und Erwachsene auf engstem Raum, nahezu ohne sanitäre Einrichtungen, sauberes Trinkwasser war eher die Ausnahme denn die Regel. Dazu kamen Mangelernährung,, unmenschliche Arbeitsbedingungen und eine in den Großstädten dramatische Umweltverschmutzung. Die häufigsten Todesursachen waren Lungenentzündung, Grippe, Tuberkulose und Durchfallerkrankungen. (Langbein, S. 18)

Die Analyse der Krankheitstrends für mehr als ein Jahrhundert zeigt, dass die Umwelt die ausschlaggebende Determinante des allgemeinen Gesundheitsstandes jeder Bevölkerung ist. Die Medizingeographie, die Geschichte der Krankheiten, die medizinische Anthropologie und die Sozialgeschichte der Einstellung zur Krankheit haben gezeigt, dass die Beschaffenheit von Nahrung, Wasser und Luft - in Korrelation mit dem Grad soziopolitischer Gleichheit und den Kulturmechanismen, die eine stabile Bevölkerungszahl ermöglichen - entscheidend bestimmen, wie gesund erwachsene Menschen sich fühlen und in welchem Alter sie für gewöhnlich sterben. (Illich, S. 20)

Wenn auch die Wirksamkeit medizinischer Maßnahmen in Zweifel steht, solange keine Verbesserung der Ernährung und Hygiene erfolgt, bestehen an der Wirksamkeit von Verbesserungen der Ernährung und Hygiene allein, das heißt auch ohne zusätzliche medizinische Maßnahmen, solche Zweifel nicht. Die Erfahrung der letzten zwei Jahrhunderte zeigt, dass die Zahl der Infektionsopfer auf einen Bruchteil ihrer früheren Höhe zurückgegangen ist, ohne dass medizinische Eingriffe erfolgten. (McKeown, S. 220)

2. Cholera

Cholera, um 1830, Deutschland:
"Alles, was damit erreicht wurde (mit den angeordneten Maßnahmen), so meinten die Kritiker, sei eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung, die Diskriminierung armer Bevölkerungsschichten und die Verletzung religiöser Empfindungen. […] Zwei weitere große Cholera-Epidemien zogen durch Europa und wurden von Bevölkerung und Wissenschaft mehr oder weniger passiv hingenommen. Augenscheinlich zeigte sich kein besonderer Unterschied, ob die Krankheit nun bekämpft wurde oder nicht." (Langbein, S. 47)

Cholera, 1892, Hamburg:
"Robert Koch ordnete Quarantäne und Isolierung an. Vergnügungsver- anstaltungen wurden mit sofortiger Wirkung untersagt. Desinfektionskolonnen nahmen ihre Arbeit auf und besprühten alle verdächtigen Wohnungen, Möbel, Betten und Gegenstände mit Karbol. Bald lag über der Stadt nicht mehr der Dunst der allgegenwärtigen Ausscheidungen der Cholerakranken, sondern eine penetrante Chlorwolke. Die Epidemie erreichte bis zur ersten Septemberwoche ihren Höhepunkt, dann fiel sie wieder steil ab. Die Kurve der Erkrankungen unterschied sich nicht von der bisheriger Epidemien. Auch ein kurzes Wiederaufflammen in der zweiten Septemberhälfte, als längst alle Maßnahmen Kochs umgesetzt waren, gehörte durchaus zum bis dahin beobachteten Wesen von Epidemien. Dass die Krankheit vorübergegangen war, wurde nun aber ausschließlich den Maßnahmen Kochs zugeschrieben." (Langbein, S. 57)

Gegen Cholera wurde in Europa keine Impfkampagne durchgeführt. Die Impfung wurde erst entwickelt, als die Krankheit schon aus unseren Breiten verschwunden war.

3. Erkenntnisse damals

Die Cholera breitete sich fast nur in den unteren Schichten aus.

"Man munkelte, die Ärzte bekämen drei Taler Belohnung für jeden Choleratoten. Diese Gerüchte wurden umso mehr geschürt, als sich Cholera fast nur in den niederen Schichten ausbreitete. Es hieß, die Krankheit sei von den Wohlhabenden eingeschleppt worden, um sich der Armen zu entledigen. Die Gerüchte wurden umso intensiver, je weniger die drastischen Quarantänemaßnahmen, das Ausräuchern und der riesige Markt von Wundermitteln Wirkung zeigte." (Langbein, S. 46)

Als der Sozialmediziner Rudolf Virchow im Februar 1852 im Auftrag des Innenministers den Spessart besuchte, der von einer allgemeinen Choleraepidemie geplagt wurde, identifizierte er die allgemeine Hungersnot als Ursache für die Krankheiten. Denn der Hungerzustand führe zur Erschöpfung und Resistenzlosigkeit. (Langbein, S. 37)

In einer späteren statistischen Analyse der Hamburger Epidemie zeigte sich, dass in der Bevölkerungsgruppe mit einem Jahreseinkommen von über 10000 Mark nur 1,8 Prozent erkrankt waren, in jener mit einem Einkommen unter 1000 Mark aber gleich 11,3 Prozent. Die Cholera erwies sich damals - genau wie heute - als eine Krankheit, die dem Elend folgt, als eine Kriegs- und Katastrophenseuche. Ein wohlgenährter Magen jedoch bietet für Cholerabakterien eine nahezu unüberwindbare Barriere. (Langbein, S. 61)

Dass Tuberkulose eine soziale Erkrankung sein könnte, wurde schon relativ früh vermutet. Im Volksmund galt sie als "Proletenkrankheit", und auch die Zahlen boten genug Anlass zur Nachdenklichkeit: Eine Statistik der Stadt Hamburg ergab, dass das Risiko, an Tuberkulose zu sterben, für Hamburger Bürger in der niedrigsten Steuerklasse mehr als sechzehnmal so hoch war wie für jene in der höchsten Steuer- und damit Einkommensgruppe. (Langbein, S. 39)

Auch in England und den anderen europäischen Ländern ist es so gewesen, dass die Sterblichkeit bei den Infektionskrankheiten von der wohlhabendsten zur ärmsten Schicht angestiegen ist. Am größten sind die Schichtunterschiede bei infektiösen und parasitären Erkrankungen und bei Erkrankungen der Atemorgane. (siehe McKeown, S. 127, mit Grafik)

4. Max von Pettenkofer

Pettenkofer vertrat die Ansicht, dass die Umweltbedingungen von erheblich größerer Bedeutung für die Entstehung einer Krankheit sind, als die bloße Anwesenheit von Krankheitserregern. Er und einige seiner Schüler, die den Versuch wiederholten, erkrankten nicht oder nur leicht, wodurch sich Pettenkofer bestätigt sah. Allerdings irrte er insoweit, als er ein bestimmtes „contagiöses Element Y“ annahm, das – gleich einer chemischen Reaktion – die Entstehung einer Krankheit erst ermöglichte. Die heute in der Epidemiologie unumgängliche Ortsbesichtigung und ausgiebige statistische Erfassung und Auswertung des Seuchengeschehens wurde von Pettenkofer und seinen Schülern eingeführt.
(Wikipedia, Pettenkofer)

Miasmen:
Allerdings war auch unter dem Paradigma der Miasmentheorie, ohne Übernahme der Bakteriologie, schon eine effektive Bekämpfung der Cholera möglich gewesen. Der Chemiker und Hygieniker Max von Pettenkofer, der unter der Annahme eines den Boden verunreinigenden „Faktors X“ eine aufwändige Sanierung des Münchener Abwassersystems veranlasst hatte, konnte bei der weltweiten Choleraepidemie von 1892 (Pandemie), die auch Deutschland erreichte und in Hamburg mehr als 8.000 Todesopfer forderte, einen Ausbruch der Krankheit in München – trotz der von auswärts zum Oktoberfest angereisten Menschenmassen – erfolgreich verhindern.
(Wikipedia, Miasmen)

Als kleines Gimmick: Im Artikel über Robert Koch wird Pettenkofer wesentlich negativer dargestellt und dazu passt auch, dass einer seiner Schüler bei dem Selbstversuch dann entsprechend fast starb.
Max von Pettenkofer, Professor für medizinische Chemie in München, war noch ein prominenter Vertreter der Miasmen-Theorie. In Bezug auf die Cholera hieß das, dass Städte auf feuchtem Grund gefährdet waren, während Städte auf hartem Grund – wie etwa Würzburg – nichts zu befürchten hatten. Pettenkofer ließ sich auch durch die Entdeckung der Erreger und ihrer Infektionswege nicht umstimmen. Anlässlich der Seuche von 1892 bat er Koch um eine Kultur der Erreger, die er schluckte. Pettenkofer kam mit einem Durchfall davon, während einer seiner Assistenten beinahe gestorben wäre
(Wikipedia, Robert Koch)

5. Zahlen

Die addierten Sterbeziffern für Scharlach, Diphtherie, Keuchhusten und Masern bei Kindern bis zum 15. Lebensjahr zeigen, dass der zwischen 1860 und 1965 eingetretene Rückgang der Mortalität sich zu beinah 90 Prozent ereignete, bevor die Antibiotika eingeführt und Schutzimpfungen allgemein verbreitet waren. (Illich, S. 19)