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Fehlende Infekte und Krebs

Das Immunsystem ist unser biologisches Abwehrsystem. Eine Schädigung beeinflusst alle Bereiche, sowohl die Abwehr negativer Einflüsse von außen als auch von innen. So muss das Immunsystem nach innen zum Beispiel auch dafür sorgen, entartete Zellen zu zerstören, sobald diese entstehen.

Wenn fehlende Infektionen unser Immunsystem schädigen, dann wird auch diese Funktion beeinträchtigt und wir müssten damit auch anfälliger für Zellschädigungen, bis hin zum Ende der Zellschädigung, dem Krebs, werden. Und genauso ist es.

(1) Albonico-Studie
Die folgende Studie sollte die Beobachtung, dass fieberhafte, infektiöse Kinderkrankheiten in einem Zusammenhang mit einem geringeren Krebsrisiko stehen, überprüfen.

Das Ergebnis der Studie war:
Die zurückblickende Studie zeigte einen signifikanten Zusammenhang zwischen fiebrigen, infektiösen Kinderkrankheiten und dem Risiko, Krebs zu entwickeln. Mit der Zahl der Infekte sank das Krebsrisiko, im Besonderen für nicht Brust-Krebs-Arten.
Explizit an Kinderkrankheiten aufgezählt wurden: Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten, Scharlach und Windpocken.

FICD steht, wie auch im folgenden Original-Text erklärt, für diese fiebrigen, infektiösen Kinderkrankheiten. Rubella sind die Röteln und Chickenpox Windpocken:

The present study was designed to investigate the hypothesis that febrile infectious childhood diseases (FICDs) are associated with a lower cancer risk in adulthood, since biographical considerations are of great importance in anthroposophic medicine. Cancer patients and control patients of 35 anthroposophic general practitioners in Switzerland were matched with respect to gender, age and physician. All patients completed a questionnaire on their FICD. We collected 424 cases; of these we could analyze 379 matched pairs. The study consistently revealed a lower cancer risk for patients with a history of FICD. The strongest associations were found between patients with non-breast cancers and rubella respectively chickenpox. A strong association was also found with the overall number of FICD both 'classical' (measles, mumps, rubella, pertussis, scarlet-fever and chikenpox) and 'other'. […]

Our retrospective study showed a significant association between FICD and the risk of developing cancer. The number of FICD decreased the cancer risk, in particular for non-breast cancers. The relationship with tumor site seems to be important also, but can only be addressed in a larger study.

(Albonico, H.U., "Febrile infectious childhood diseases in the history of cancer patients and matched control", Medical Hypotheses, Volume 51,1998)

(2) Montella-Studie
Das Hodgkin-Lymphom (HL) ist eine häufige Form des Lymphdrüsenkrebses. Alle anderen bösartigen Erkrankungen des lymphatischen Systems werden als Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) zusammengefasst.

Die folgende Studie wurde gemacht, um den Zusammenhang zwischen NHL-Tumoren, HL-Tumoren und Kinderkrankheiten zu erforschen. Die Studie umfasst 255 Fälle von NHL, 62 von HL und 504 Kontrollpersonen.

Die Ergebnisse der Studie waren:
Unter Berücksichtigung von Störfaktoren wurde herausgefunden, dass alle untersuchten Kinderkrankheiten in einem umgekehrten Zusammenhang zum Lymphdrüsenkrebs (HL) stehen.

Und weiter:
Unsere Befunde geben der Vermutung, dass Infektionen durch die üblichen Kinderkrankheiten einen Schutzeffekt gegen Lymphdrüsenkrebs (HL) haben, weiteren Anschub. Mindestens stehen diese Kinderkrankheiten jedoch im Zusammenhang mit anderen früheren Kontakten, die das Risiko von HL im Erwachsenenalter begrenzen. Zusätzlich zeigt die Studie, dass Masern einen vorbeugenden Effekt gegen NHL-Erkrankungen haben.

Im Original:
After adjusting for confounding factors, all examined childhood diseases were negatively associated with HL. […]
Our findings provide additional support to the hypothesis that infections by most common childhood pathogens may protect against HL or, at least, be correlated with some other early exposure, which may lower the risk of HL in adulthood. In addition, our study shows that measles may provide a protective effect against NHL.
(Montella, M., "Do childhood diseases affect NHL and HL risk? A case-control study from northern and southern Italy", Leukemia Research 30, 2006)

(3) Abel-Studie
In dieser Studie wurde ein Zusammenhang zwischen fiebrigen Infekten und einem reduzierten Krebsrisiko gefunden. Es wurde kein Zusammenhang zwischen einem reduzierten Krebsrisiko und Kinderkrankheiten gefunden.

Die Studie umfasste 255 Krebs-Patienten und 485 Personen in den Kontrollgruppen.

The association between the frequency of manifest infectious diseases and cancer risk was investigated in a case-control study at Heidelberg, FRG. A total of 255 cases with carcinomas of the stomach, colon, rectum, breast, and ovary, as well as 255 population controls and 230 hospital controls were interviewed using a standard questionnaire. […]
Controls were matched to the cases for age, sex, and region of residence at the time of the interview. A history of common colds or gastroenteric influenza prior to the interview was found to be associated with a decreased cancer risk.

(Abel U., Becker N., Angerer R., "Common infections in the history of cancer patients and controls." J Cancer Res Clin Oncol. 1991; 117(4): 339-44)

(4) Windpocken
Das Glioblastom ist der häufigste bösartige hirneigene Tumor bei Erwachsenen. Um einen möglichen Zusammenhang zwischen diesem Tumor und einer fehlenden Windpocken-Infektion herauszufinden, wurden 462 Personen mit diesem Tumor befragt. Ebenfalls eine Kontrollgruppe mit 443 Personen. Bei den Menschen mit Krebs gab es signifikant weniger Windpocken oder Gürtelrosefälle in der Vergangenheit.
Genauer: In der Gruppe mit Krebs gab es 114 Fälle ohne Windpocken, in der Kontrollgruppe nur 66 Fälle.

To evaluate a possible association between varicella-zoster virus infection and glioma, the authors asked adults with glioma (n = 462) whose tumors were diagnosed between August 1, 1991, and March 31, 1994, and age-, sex-, and ethnicity-matched controls (n = 443) about their histories of chickenpox or shingles. Cases were significantly less likely than controls to report a history of either chickenpox (odds ratio = 0.4, 95% confidence interval (CI) 0.3-0.6) or shingles (odds ratio = 0.5, 95% CI 0.3-0.8).
(Wrensch, M., Weinberg, A., "Does prior infection with varicella-zoster virus influence risk of adult glioma?", AM J Epidemiol., Volume 145, No. 7, 1997)

(5) Krebsvorbeugende Wirkung von Mumps
Woher die beobachtete krebsvorbeugende Wirkung von Mumps kommt, haben Christina Ulane, Jason Rodriguez, Jean-Patrick Parisien und Curt Horvath auf molekularer Ebene geklärt.

Die dahinterstehende Theorie wird in der folgenden englischen Zusammenfassung beschrieben.
Das Ergebnis, welches ebenfalls dort steht, war:

Diese Befunde zeigen eine eindeutig regulierende Eigenschaft des Mumps-Virus, was eine molekulare Erklärung für die beobachteten krebsvorbeugenden Eigenschaften liefert.

Mumps virus is a common infectious agent of humans, causing parotitis, meningitis, encephalitis, and orchitis. Like other paramyxoviruses in the genus Rubulavirus, mumps virus catalyzes the proteasomal degradation of cellular STAT1 protein, a means for escaping antiviral responses initiated by alpha/beta and gamma interferons. We demonstrate that mumps virus also eliminates cellular STAT3, a protein that mediates transcriptional responses to cytokines, growth factors, nonreceptor tyrosine kinases, and a variety of oncogenic stimuli. STAT1 and STAT3 are independently targeted by a single mumps virus protein, called V, that assembles STAT-directed ubiquitylation complexes from cellular components, including STAT1, STAT2, STAT3, DDB1, and Cullin4A. Consequently, mumps virus V protein prevents responses to interleukin-6 and v-Src signals and can induce apoptosis in STAT3-dependent multiple myeloma cells and transformed murine fibroblasts. These findings demonstrate a unique cytokine and oncogene evasion property of mumps virus that provides a molecular basis for its observed oncolytic properties.

(Ulane C., "STAT3 Ubiquitylation and Degradation by Mumps Virus Suppress Cytokine and Oncogene Signaling", J Virol. 2003 June; 77(11): 6385-6393)

(6) Überblicksstudie - Infekte senken das Krebsrisiko
Die Vielzahl der Studien und Hinweise, die es inzwischen zu dem Thema Krebs und Infekte gibt, führten zu einer Überblicksstudie.
Die Überblicksstudie zeigt, dass eine persönliche Krankengeschichte mit vielen Infekten das Krebsrisiko senkt. Auch kann ein Infekt nach einer Krebsoperation den Erfolg der Operation deutlich verbessern.
Beides, sowie die biochemische Erklärung, warum das so ist, lässt sich einer Zusammenfassung der Studie entnehmen:

Die Überblicksstudie:
Tatsächlich fand Hobohm dann die Bestätigung in etlichen verstreuten epidemiologischen Studien: eine persönliche Krankengeschichte mit vielen Infekten senkt das Krebsrisiko. Diese "reinigende Wirkung" kann sich auch entfalten, nachdem Krebs entstanden ist: ein Infekt nach einer Krebsoperation kann den Erfolg der Operation deutlich verbessern. Diese Befunde wurden 2005 im renommierten "British Journal of Cancer" zusammenfassend diskutiert. Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen. Es stellt sich z. B. die Frage, ob man jede Kinderkrankheit wegimpfen und jeden grippalen Infekt mit Antibiotika und fiebersenkenden Mitteln behandeln sollte.

Inzwischen hat man auch eine plausible biochemische Erklärung gefunden: durch bakterielle Produkte, so genannte PAMP (Pathogen Associated Molecular Pattern), findet eine Stimulation des angeborenen Immunsystems statt. Das angeborene Immunsystem war bislang ein Stiefkind in der Krebsimmunologie. Man konzentriert sich bis heute - auch in der Impfstoffforschung - vor allem auf das adaptive Immunsystem, das imstande ist, Antikörper und T-Zellen herzustellen. Jedem Impfstoff sind so genannte Adjuvantien beigefügt, von denen man lange Zeit lediglich wusste, dass sie die Immunantwort um ein Vielfaches verstärken. Erst kürzlich hat man erkannt, dass Adjuvantien in Impfstoffen auf dieselben Proteine im menschlichen Körper wirken wie PAMP-Substanzen: auf die so genannten Toll-Rezeptoren. Das sind essentielle Bestandteile des angeborenen Immunsystems, die zu einer viel stärkeren Immunantwort gegen Krebszellen führen. Fieber verstärkt diese Wirkung wahrscheinlich auf vielfältige Weise. Man weiß beispielsweise, dass Krebszellen oft hitzeempfindlicher sind als normale Körperzellen. Hobohms Hypothese von 2001 gilt inzwischen als weitgehend bestätigt.

(Pressemittelung der Fachhochschule Gießen, 22.01.2008, http://bioinfo.tg.fh-giessen.de/cancer/)

Ergänzung 1
Pockenviren greifen ebenfalls gezielt Tumore an. Eine Studie dazu wird in einer Stern.de-Meldung vom 01.09.2011 vorgestellt.

Einige Viren haben die Fähigkeit, gezielt Krebszellen zu befallen. Diese sogenannten onkolytischen Viren lassen sich für eine neue Form der Krebstherapie nutzen, ohne die Patienten zu gefährden, berichten amerikanische und kanadische Mediziner. Erstmals übertrugen sie genetisch veränderte Pockenviren in den Blutkreislauf von Patienten mit unterschiedlichen Arten von Krebstumoren.
[...] Dabei gingen die Forscher von Vaccinia-Viren aus, einem wahrscheinlich aus Kuhpockenviren hervorgegangenen Stamm abgeschwächter Viren, der früher als Lebendimpfstoff zur Pockenschutzimpfung verwendet wurde. Diese Viren haben die natürliche Eigenschaft, sich bevorzugt in Krebszellen zu vermehren.
[...] Bei sieben von acht Patienten, die die höchste Dosis erhielten, hatten sich die Viren in den Tumoren vermehrt, nicht aber in den gesunden Zellen. In allen Fällen waren die von den Viren übertragenen Gene in den Krebszellen aktiv. Die stärksten Nebenwirkungen bestanden in leichten bis mäßigen Grippesymptomen, die weniger als einen Tag andauerten.

(Pockenviren greifen gezielt Tumore an, 01.09.2011)

Die Stern-Meldung passt natürlich damit zusammen, dass Infekte das Krebsrisiko senken. Und sie ist Teil des generellen Ansatzes, Tumore mit Viren zu bekämpfen, der ebenfalls auf diesem Prinzip basiet, wie bereits in Kapitel IV.1 des Buchs kurz ausgeführt.

Ergänzung 2
12 Tage später, aus einer Studie, die auf Sueddeutsche.de vorgestellt wurde:

Labormäuse wachsen oft in einer keimfreien Umgebung auf. Forscher tragen Schutzkleidung, damit die Tiere nicht mit Mikroben in Kontakt kommen, die natürlicherweise auf und im Menschen und jedem anderen Organismus leben. Die meisten dieser Keime sind harmlos, trainieren aber das Immunsystem. Das Team um Boysen hat das Immunsystem 24 wildlebender Mäuse mit dem von 31 Labortieren verglichen. Die in der Natur aufgewachsenen Nager hatten in ihren Lymphknoten deutlich mehr sogenannte natürliche Killerzellen. Sie helfen, Krebszellen und üble Keime zu vernichten. Außerdem reagierten die Killerzellen freilebender Mäuse schneller auf Botenstoffe, die das Immunsystem aussendet.
(Labormäusen fehlt der Dreck, 13.09.2011)

Ergänzung 3
Masernviren in der Krebstherapie - stern.de-Meldung vom 02.11.2011:

"Diese Erkenntnis kann möglicherweise auch dazu beitragen, den Einsatz von Masernviren in der Krebstherapie zu verbessern", teilte das PEI am Mittwoch mit. In Studien wurde gezeigt, dass die Partikel Tumore schrumpfen lassen. Indem sie sich in Tumorzellen vermehren, lösen sie deren Zelltod aus.
(Masernviren fliegen beim Husten in die Umgebung, 02.11.2011)

In der Philosophie der Naturheilkunde ist klar, jenseits der rein mechanischen Begründung, warum Masernviren den Zelltod von Tumorzellen auslösen und den von normalen Zellen nicht. Die Medizin hat leider keine Phyilosophie, die über die Mikrobiologie, die man jeweils gerade versteht, hinausgeht.

Ergänzung 4
Schützende Eigenschaften von Mumps vor Eierstockkrebs:
(Mumps and ovarian cancer: modern interpretation of an historic association, Cancer Causes Control., August 2010)


Fazit
Auf der einen Seite ist der generelle Verlauf aller Infektionskrankheiten mit der Verbesserung der Lebensbedingungen milde geworden.
Auf der anderen Seite greifen verschiedene Viren gezielt Krebszellen, also kranke Zellen an.

Insgesamt haben Infekte vielfältige Wirkungen, sie schützen und helfen bei einer Reihe von Krankheiten.

Für die Annahme, dass die naturheilkundliche Sichtweise richtig ist, dass Viren und Bakterien im allgemeinen lebensunterstützende Funktionen haben, sprechen viele Fakten.
Für die Gegenposition der Schulmedizin, dass Infekte schädlich, mindestens aber sinnlos sind und wahllos ausgerottet werden können, wenn nicht müssen und dies auch versucht wird, wo immer es möglich ist, spricht nur eine Tatsache. Die, dass die Schulmedizin die gesundheitlichen Auswirkungen auch nur einer ihrer Ausrottungskampagnen niemals klärend untersucht hat und schon gar nicht, bevor die Kampagne begonnen wurde.