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Fehlende Infekte und Krebs

Jährlich steigt die Krebsrate bei Kindern um 1% an. Inzwischen bekommt jedes 500-ste Kind in Deutschland Krebs. Jedes vierte davon stirbt. Das sind 450 Kinder im Jahr.

Bei der häufigsten dieser Krebsarten, der Leukämie, genau wie beim Lymphdrüsenkrebs, ist der Zusammenhang mit wenig Infekten in der Kindheit belegt.
Dasselbe gilt für Krebs im Erwachsenenalter.
Konsequenzen daraus? Mehr Impfungen.

(Zahlen zu Krebs, siehe: Ilka Grobe, "Kein Kinderspiel", physiopraxis 2/05, S. 42-44, Thieme-Verlag)

Das Krebs-Kapitel:

(1) Viren gegen Krebs.

(2) Fehlende Infekte und Krebs in der Kindheit

(2.1) Leukämie

(2.2) Lymphdrüsenkrebs

(3) Fehlende Infekte und Krebs im Erwachsenenalter

(3.1) Studien Deutschland 1910-1936

(3.2) Studien weltweit 1954-2010

(4) Unterschiede zwischen den Infekten, akut und chronisch.


1. Viren gegen Krebs.

Viren werden heute in der Krebsforschung zur Krebsbekämpfung eingesetzt. Aus einer Meldung der Süddeutschen Zeitung vom 03.11.2011 über neu herausgefundene Eigenschaften des Masernvirus:

"Diese Erkenntnis kann möglicherweise auch dazu beitragen, den Einsatz von Masernviren in der Krebstherapie zu verbessern", teilte das Paul Ehrlich-Institut mit. In Studien wurde gezeigt, dass die Partikel Tumore schrumpfen lassen. Indem sie sich in Tumorzellen vermehren, lösen sie deren Zelltod aus.
(sueddeutsche.de , "Warum Masern so ansteckend sind", 03.11.2011)

Neben diesen neu entdeckten Mechanismus, in dessen Focus vier Krebsarten stehen, werden weitere Eigenschaften des Masernvirus gegen andere Krebsarten erforscht.

Auch im Masernkapitel wurde unter dem Punkt "Therapeutische Wirkung von Masern" die positive Wirkung von Masern auf Krebs, in diesem Fall Lymphdrüsenkrebs, aufgezeigt. Hierfür wurden dort Studien zum Hodgkin-Lymphom und zum Burkitt-Lymphom zitiert.
Siehe: Therapeutische Wirkung von Masern

Krebsverhütenden Eigenschaften von andere Viren, wie Windpocken und Mumps-Viren, sind ebenfalls bekannt und Bestandteil der Krebstherapie-Forschung.



2. Fehlende Infekte und Krebs in der Kindheit

Das kindliche Immunsystem entwickelt sich, neben der angeborenen Komponente, über die Stimulation durch die Umwelt.
Neben den krankheitsauslösenden Keimen spielen ebenfalls die nicht krankheitsauslösenden Erreger eine Rolle. Die folgenden Studien betrachten Kontakte der Kinder in der Kindheit. Je mehr Kontakte die Kinder haben, zum Beispiel durch den Besuch einer Kindertagesstätte, desto höher ist auch ihr Infektionsrisiko.

Kinderkrankheiten können ebenfalls als "Marker" dafür genommen, wie hoch das Infektionsrisiko eines Kindes ist. Mehr durchlebte Kinderkrankheiten bedeuten ein höheres Infektionsrisiko und damit, wie wir sehen werden, weniger Leukämie.

Beim Lymphdrüsenkrebs (Hodgkin-Lymphom) gibt es mehrere Studien, die Kinderkrankheiten gesondert untersuchen. Ganz besonders eine hochwertige Studie von 1977, die ihren Focus bereits in der Planung auf Kinderkrankheiten und Lymphdrüsenkrebs gelegt hatte.
Das ist darum besonders erwähnenswert, weil Studien oftmals "rückwärts" sehen, also bereits vorhandene Datensätze auf neu entstandene Fragestellungen untersuchen.

Beim Krebs im Erwachsenenalter gibt es ebenfalls mehrere Studien, die Kinderkrankheiten gesondert betrachten.



2.1. Leukämie und fehlende Infekte im Kindesalter.

Akute Leukämie ist der häufigste bösartige Krebs und insgesamt auch die häufigste schwere Erkrankung in der Kindheit. Das heißt, akute Leukämie gefährdet das Leben des Kindes bereits nach kurzer Zeit. Der Anstieg der Krankheit seit Mitte des 20. Jahrhunderts beträgt ca. 1% pro Jahr.

Die am besten abgesicherte Erklärung für den starken Anstieg der Leukämie in der Kindheit, die zeitgleich der Stand der medizinischen Erkenntnis ist, ist die „delayed infection“-Hypothese von Mel Greaves.

Die „delayed infection“-Hypothese besagt, dass akute Leukämie von einer fehlerhaften Immunantwort auf eine oder mehrere Infektionen ausgelöst wird, die verspätet in der Kindheit auftreten. Verspätet sind sie in Bezug auf eine Phase der Kindheit, die für die Entwicklung des Immunsystems wichtig ist.

Entsprechend der Hypothese müssen Kinder mit mehr Kontakt zu anderen Kindern und dementsprechend mehr Infekten vor Leukämie in der Kindheit geschützter sein, als Kinder ohne diese Kontakte. Und genau das ist der Fall. Im folgenden werden fünf Beispiele dafür aufgeführt.

(i) Niederlande, 1986
Eine frühe Studie dazu stammt aus den Niederlanden von 1986, dennoch verweist sie bereits auf andere Studien und auf die Übereinstimmung mit dem allgemeinen Risikoprofil für Leukämie in der Kindheit.
Sie zeigt weiter, wie sich Infektionsrisiken verteilen: Erstgeborne, Einzelkinder und Kinder in einem höher gebildeten Elternhaus haben ein geringeres Infektionsrisiko und demzufolge ein höheres Leukämierisiko.

In the Netherlands, a nationwide register of children with leukemia formed the basis for a case-control study (1973-1980). [...] Common colds, periods of fever, and primary childhood infections showed relative risks of 0.8, 0.9, and 0.8, respectively, after adjustment for birth order, family size, social class, and residential space. Furthermore, fewer cases reported infectious diseases which required hospitalization in their first year of life [relative risk 0.6]. The general infection risk profile of children with acute lymphocytic leukemia is compatible with these findings: there were more first-born children among the patients [relative risk 1.8], more children from one-child families [relative risk 1.4], more children of parents with higher education [relative risk 1.2], and more rooms in patient's houses [relative risk 1.4].
(van Steensel-Moll HA, „Childhood leukemia and infectious diseases in the first year of life: a register-based case-control study", 1986)


(ii) Die britische childhood-cancer Studie, 2005
Die Studie umfasste 9445 Kinder, von denen 1286 akute Leukämie hatten.
Als ebenfalls übliches Maß dafür, inwieweit ein Kind Infektionen ausgesetzt ist, diente der Besuch von Kindertagesstätten (day-care) und die vorhandene soziale Aktivi­tät während des ersten Lebensjahrs.

Das Ergebnis der Studie war:
Ein erhöhtes Maß an sozialer Aktivität in den ersten Monaten des Lebens reduziert bleibend das Risiko für akute Leukämie.

Objective: To test the hypothesis that reduced exposure to common infections in the first year of life increases the risk of developing acute lymphoblastic leukaemia.
Design and setting: The United Kingdom childhood cancer study (UKCCS) is a large population based case-control study of childhood cancer across 10 regions of the UK.
Conclusion: These results support the hypothesis that reduced exposure to infection in the first few months of life increases the risk of developing acute lymphoblastic leukaemia
(Gilham C, „Day care in infancy and risk of childhood acute lympho­blastic leukaemia: findings from UK case-control study”, 2005)


(iii) Meta-Analyse, 2010
Im Jahr 2010 wurde eine Meta-Analyse über 14 Studien gemacht, das Ergebnis war eindeutig.

METHODS: Searches of the PubMed database and bibliographies of publications on childhood leukaemia and infections were conducted. Observational studies of any size or location and published in English resulted in the inclusion of 14 case-control studies.

CONCLUSIONS: This analysis provides strong support for an association between exposure to common infections in early childhood and a reduced risk of ALL.
(Urayama KY, „A meta-analysis of the association between day-care attendance and childhood acute lymphoblastic leukaemia.", 2010)


(iv) Kinderkrippen in der DDR
Vor 1989 war die Leukämierate bei Kindern in der DDR nur ein Drittel so hoch wie die in der Bundesrepublik. Nach der Wiedervereinigung stieg diese Rate zwischen 1992 und 1996 um dramatische 25%.
Die plausibelste Erklärung für diesen Sachverhalt ist der ebenfalls dramatische Wechsel in der Kinderbetreuung, der dem Mauerfall folgte. Vor dem Mauerfall kamen nahezu alle Kinder, die älter als 3 Monate waren, zur Kinderbetreuung in staatliche Kinderhorte, mit der Maßgabe, dass die Mutter wieder arbeitet. Das hörte 1989 nahezu abrupt auf, Säuglinge und Kleinkinder blieben zuhause.
(siehe Mel Greaves, „The ‘delayed infection’ (aka ‘hygiene’) hypothesis for childhood leukaemia”, in Rook S. 248)

(v) Die SARS Epidemie in Hongkong
Auf einen stark verringerten Kontakt mit Infekten, wobei das geringere Auftreten von Masern, Windpocken und Scharlach den geringeren Kontakt mit Infekten bestätigte, folgte der Ausschlag der Leukämierate nach oben. Der Zeitraum der verringerten Infektionsrate betrug nur 1 Jahr.

The SARS incident in Hong Kong in 2003 provides another very unusual circumstance and „natural experiment”. An emergency and provnce-wide government directive ensured that all children stayed at home rather than travelling to attend school. This embargo lasted for one year. So which prediction follows from this with respect to the 'delayed infection' model? This cohort of children with greatly reduced infectious exposure (confirmed by documenting levels of measles, chicken pox and scarlet fever) should immediately be deprived of the 'triggering' infection for ALL and rates for ALL should drop in that same year. A significant drop did indeed occur which the authors interpreted in the light of the „delayed infection” hypothesis.
(siehe Mel Greaves, „The ‘delayed infection’ (aka ‘hygiene’) hypothesis for childhood leukaemia”, in Rook S. 248)





2.2. Lymphdrüsenkrebs und fehlende Infekte im Kindesalter.

Die Zahl der Lymphdrüsenkrebs-Fälle bei Kindern stagniert auf einem geringen Niveau und ist auch gut bis sehr gut heilbar. Demgegenüber steigt in den westlichen Ländern seit mehreren Jahrzehnten die jährliche Neuerkrankungsrate bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen.

Das epidemiologische Verhalten und der Anstieg der Erkrankung im jungen Erwachsenenalter sind ebenso identisch wie bei Allergien, Autoimmunerkrankungen und Leukämie in der Kindheit. Entsprechend ist auch die Erklärung gleich:

Ein in der Kindheit nicht genügend gefordertes Immunsystem erhöht später die Wahrscheinlichkeit, dass es auf einen normalen Infekt mit einer fehlerhaften Immunantwort reagiert. (host response model)

Im folgenden werden mehrere Studien zum Lymphdrüsenkrebs (Hodgkin-Lymphom) vorgestellt.

(i) USA 1964 und 1966
Die ersten Daten, die einen umgekehrten Zusammenhang zwischen hygienischen Bedingungen in Form des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status und Lymphdrüsenkrebs nach Hodgkin zeigen, stammen aus Studien über Soldaten des Zweiten Weltkriegs.

In der ersten dieser beiden Studien war der Bildungsstand bei den Erkrankungsfällen signifikant höher als der Durchschnitt der in der Armee dienenden Männer und ebenfalls waren sie signifikant weniger verheiratet. Von 330 Krebspatienten waren nur 20,6% verheiratet, gegenüber einem Schnitt von 34%.
(Cohen BM, "Hodgkin's Disease: Long survival in a study of 388 World War II army cases", 1964)

In der anderen Studie fand McMahon eine direkte Beziehung zwischen der Erkrankung und den fünf gesellschaftlichen Klassen, wie sie im englischen "Registrar General" geführt wurden). Am deutlichsten war diese Beziehung bei den 20-34-jährigen. Sowohl bei den 20-34-jährigen Männern als auch bei den 20-34-jährigen Frauen war die Todesrate durch Lymphdrüsenkrebs in der höchsten gesellschaftlichen Schicht mehr als doppelt so hoch wie in der niedrigsten.
(McMahon B, "Epidemiology of Hodgkin's Disease", Cancer Research 1966, Nr. 26)

(ii) USA, 1977
Die erste Studie,die in diesem Zusammenhang ihr Augenmerk auf Kinderkrankheiten richtete, stammt von 1977.

In der Studie wurden die Gesundheits- und sozialen Daten von 50.000 Männern im Hinblick auf einen infektiösen Ursprung der Hodgkinschen Erkrankung untersucht. Die Männer studierten Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts entweder in Harvard oder an der Universität von Pennsylvania. Die Daten waren prospektiver und nicht zurückblickender Natur, das heißt, sie wurden im Vorgriff auf den möglichen Ausbruch der Hodgkinschen Krankheit erhoben.
Die Studie erstreckte sich über insgesamt 1,71 Millionen Personen-Jahre, in denen 45 Fälle von schweren Lymphdrüsenkrebs auftraten.

Die Ergebnisse waren im Einzelnen:

Typischer Keuchhusten:
Von den 43 Hodgkin-Patienten mit Angaben zu dem Infekt hatten 21 Keuchhusten (48,8%). Aus der Kontrollgruppe hatten 66,7% Keuchhusten.
Umgerechnet gab es in der Kontrollgruppe somit 33.350 Studenten, die Keuchhusten hatten und 16.650, die Keuchhusten nicht hatten. Betrachten wir die Keuchhustengruppe (21/33.350 mal 100), so ergibt sich ein Risiko von 0,063% für einen Studenten, der Keuchhusten hatte, an Lymphdrüsenkrebs zu erkranken. In der Gruppe ohne Keuchhusten (22/16.650 * 100) ergibt sich ein Risiko von 0,13 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, Morbus Hodgkin zu bekommen, sank mit dem Keuchhusten-Infekt damit um 50%.

Scharlach:
11,4% hatten in der Hodgkin-Gruppe Scharlach gegenüber 24,5% in der Kontrollgruppe. Für Scharlach ergab sich ein um 60% verringertes Risiko an Morbus Hodgkin zu erkranken.

Masern:
Die Masern waren früher der verbreiteteste Infekt. 81,4% in der Hodgkin-Gruppe hatten Masern gegenüber 84,6% in der Kontrollgruppe. Es ergab sich für Masern ein um 20% geringeres Risiko an Morbus Hodgkin zu erkranken.

Windpocken:
54,8% in der Hodgkin-Gruppe hatten Windpocken gegenüber 68,8% in der Kontrollgruppe, es ergab sich für Windpocken ein um 40% reduziertes Risiko.

Mumps:
51,2% in der Hodgkin-Gruppe hatten Mumps, gegenüber56,8% in der Kontrollgruppe. Das Risiko für Mumps war um 30% reduziert.

Influenza:
17,2% mit Influenza gegenüber 25,2% in der Kontrollgruppe, das Risiko war um 40% gesenkt.

Signifikant war nur der Keuchhustenwert. Sehr interessant wäre es gewesen, wenn Kombinationen der Infekte angegeben worden wären, da sich das Immunsystem über die Gesamtheit der Infekte herausbildet. Diese Zahlen gab es leider nicht, nur die Aussage, dass sich bei den Krebsfällen ein durchgehendes Fehlen von ansteckenden Kinderkrankrankheiten zeigte.
(Pfaffenbarger RS, "Characteristics in Youth Indicative or Adult-Onset Hodgkin's Disease", 1977)

(iii) USA, 1981
Mehr Geschwister, mehr Kontakte in der Kindheit und weniger Hygiene senken das Erkrankungsrisiko:

In a study of 225 cases and 447 controls 15 to 39 years of age, we investigated the association of Hodgkin's disease with factors in childhood that influence age of exposure to infectious agents. Risk among persons with five or more siblings was nearly half that among those with one or none; risk was also reduced among persons of late birth order. Subjects who had lived in multiple-family homes had half the risk of those in single-family housing. Cases had fewer playmates and better-educated mothers than did controls, and cases had twice the rate of infectious mononucleosis. Risk is therefore associated with a set of factors that tend to decrease or delay early exposure to infections, and this association might be explained by a viral origin of the disease, with age at infection asa major modifier of risk.
(Gutensohn N, „Childhood social environment and Hodgkin's disease", 1981)

(iv) USA, 1999
Eine Zusammenfassung, die die bis 1999 hinzugekommenen Studien einschloss, erfolgte in dem Buch "Hodgkin's disease".
Über die vorhandenen Studien ergab sich für das junge Erwachsenenalter ein doppelt so hohes Risiko mit einem höheren sozioökonomischen Status und höherer Bildung. Weiter war das Lymphdrüsenkrebs-Risiko bei Menschen in großen Familien, d.h. mit mehr Geschwistern, nur halb so groß gegenüber solchen in kleinen Familien. Und zusätzlich hatten die später Geborenen in den großen Familien ein geringeres Risiko als diejenigen, die früher geboren worden waren.

In this age group, there is generally a twofold or greater increased risk in persons with a higher socioeconomic status and educational level. More interestingly, there is an inverse association of risk with sibship size, with the risk among persons from larger families only half that of persons from the smallest. In addition, those persons in the later birth-order positions of large families are at lower risk than those born earlier.
(Mueller NE, "The epidemiology of Hodgkins's disease", in "Hodgkin's disease" von Mauch PM, 1999)

(v) Schottland, 2000
In dieser Studie wurde jetzt das gemacht, was in der Studie von 1977 versäumt worden war. Die 5 Kinderkrankheiten: Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Keuchhusten wurden in Bezug auf Hodgkin untersucht und die Infekte kombiniert.
Masern ergaben immer, auch als einzelne Infektion, ein signifikant geringeres Risiko für Lymphdrüsenkrebs. Bei kombinierten zwei oder mehr der fünf Infektionen, ergab sich ebenfalls eine signifikant, um 55%, reduzierte Wahrscheinlichkeit für Lymphdrüsenkrebs.
(Alexander FE, „Risk factors for Hodgkin's disease by Epstein-Barr virus (EBV) status: prior infection by EBV and other agents.", 2000)

(vi) Frankreich 2011
Aus der Einleitung der Studie:
Early life exposure to infections is fundamental to the development and modulation of the immune system and a lack of infections may predispose to immune-mediated disorders, such as atopy and acute lymphoblastic leukemia.

In dieser Studie wurde nicht das Hodgkin-Lymphom bei jungen Erwachsenen, sondern das weniger häufig vorkommende Hodgkin-Lymphom bei Kindern untersucht.
Sie ist die erste Studie, die einen Zusammenhang zwischen Kindertagesstättenbesuch und Lymphdrüsenkrebs bei Kindern untersuchte, obwohl, wie die Autoren schrieben, ein Zusammenhang auf der Hand liegt. In Bezug auf das Hodgkin-Lymphom wurde für wiederholte frühkindliche Infektionen ein um 70% reduziertes Risiko für Lymphdrüsenkrebs bei Kindern gefunden, die nicht gestillt wurden. Stillen und wiederholte frühkindliche Infektionen ließen das Lymphdrüsenkrebs-Risiko gleichermaßen stark sinken. Weiter verringerte sich durch den Besuch einer Kindertagesstätte die Wahrscheinlichkeit am Hodgkin-Lymphomzu erkranken um 50%.
(Rudant J, "Childhood hodgkin's lymphoma,non-hodgkin's lymphoma and factors related to the immune system: The escale study (SFCE)", 2011)


3. Fehlende Infekte und Krebs im Erwachsenenalter

Der erste, der gezielt einen Zusammenhang zwischen Kinderkrankheiten und Krebs im Erwachsenenalter untersucht hat, was der Deutsche Rudolf Schmidt.
Dieser Zusammenhang fiel ihm bereits 1910 auf und wurde in der Folge weiter bestätigt. Durch den Zweiten Weltkrieg gab es dann eine Unterbrechung in der Kontinuität der Studien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Studien, weltweit, wieder aufgenommen und sie bestätigten den Zusammenhang zwischen weniger Infekten und mehr Krebs erneut.



3.1 Krebsstudien Deutschland 1910-1936.

Sehr früh schon wurde in deutschen Studien eine krebsverhütende Wirkung von Kinderkrankheiten festgestellt und untersucht.
Durch den Zweiten Weltkrieg wurden diese Untersuchungen dann unterbrochen.

(1) Krebs allgemein, Deutschland 1910

Kinderkrankheiten und Krebs, 1910

"Im Laufe der Jahre fiel mir auf, dass in der Vorgeschichte von Krebskranken so überaus häufig die Angaben wiederkehren: sie seien stets gesund gewesen, sie hätten keine fieberhaften Erkrankungen überstanden. Diese Angabe wiederholte sich wie eine Art Refrain."

Unter 190 Patienten mit Magenkrebs hatten 141 Patienten keine infektiöse Kinderkrankheit gehabt. Von den übrigen 49 Patienten hatten 38 nur eine einzige Kinderkrankheit überstanden.

(Schmidt R, "Krebs und Infektionskrankheiten", Medizinische Klinik 43, 1910, S. 1690-1693)

(2) Krebs allgemein, Deutschland 1929

Kinderkrankheiten und Krebs, 1929

Die Anamnese [Krankengeschichte] der größten Mehrzahl auch meiner Krebskranken lautet - "sie seien immer gesund gewesen, sie hätten keine fieberhaften Krankheiten überstanden."

(Braunstein A, "Experimentelle und klinische Grundlagen für die Malariabehandlung des Krebses", 1929, Zeitschrift für Krebsforschung 1929, Band 29, S. 486-490)

(3) Krebs allgemein, Österreich 1934

Kinderkrankheiten und Krebs, 1934

Unter 300 Krebspatienten gab es 197 infektiöse Kinderkrankheiten, bei 300 Kontrollpatienten ohne Krebs: 500.

(Engel P, "Über den Infektionsindex der Krebskrankheiten", Wiener klinische Wochenschrift 37, S. 1118-1119, 1934)

(4) Krebs allgemein, Tschechien 1936

Kinderkrankheiten und Krebs, 1936

Die Krebskranken des 4. Lebensjahrzehnts gaben im Durchschnitt 0,48 Kinderkrankheiten an, die in der Klinik vorhandenen Kontrollfälle ohne Krebs: 1,0.
Die Krebskranken des 5. Lebensjahrzehnts gaben im Durchschnitt 0,56 Kinderkrankheiten an, die in der Klinik vorhandenen Kontrollfälle ohne Krebs: 1,02.

(Sinek F, "Versuch einer statistischen Erfassung endogener Faktoren beim Carcinomkranken", Zeitschrift für Krebsforschung 44, 1936, S. 492-527)

(*) Die angegebenen Fachzeitschriften - von 1910 bis 1936 - finden sich in medizinischen Universitätsbibliotheken.



3.2 Krebsstudien weltweit 1954-2010.

Von den 16 mir bekannten Studien ab 1954, werden im folgenden fünf Studien aufgeführt:

(1) Hirntumor, USA 1997

Windpocken und Hirntumor, 1997

Menschen, die Windpocken hatten, haben weniger oft Hirntumor.

(Wrensch M., „Does prior infection with varicella-zoster virus influence risk of adult glioma?", 1997)

(2) Hirntumor, Deutschland 1999

Infekte und Hirntumor, 1999

Es wurde eine statistisch signifikante, umgekehrte Beziehung zwischen der berichteten Zahl der Infektionen und dem Auftreten von Hirn­tumor gefunden.

(Schlehofer B, „Role of medical history in brain tumour development. Results from the international adult brain tumour study", 1999)

(3) Hautkrebs, Deutschland 1999

Infekte und Hautkrebsrisiko, 1999

Das Risiko an Hautkrebs zu erkranken, sinkt mit der Zahl der Infekte und der Höhe des dabei auftretenden Fiebers.

(Kölmel K, „Infections and melanoma risk: results of a multicentre EORTC case-control study", 1999)

(4) Lymphdrüsenkrebs, Italien 2006

Kinderkrankheiten und Lymphdrüsenkrebs, 2006

Alle untersuchten Kinderkrankheiten standen in einem umgekehrten Zusammen­hang zum Lymphdrüsenkrebs (HL).

(Montella M, "Do childhood diseases affect NHL and HL risk? A case-control study from northern and southern Italy", 2006)

(5) Eierstockkrebs und Mumps, USA 2010

Eierstockkrebs und Mumps, 2010

Unter 9 Studien, die den Zusammenhang von Eierstockkrebs und Mumps untersucht haben, hatten in allen Studien, bis auf zwei, Frauen mit Mumps weniger Eierstockkrebs.

(Cramer DW, „Mumps and ovarion cancer: modern interpretation of an historic association“, 2010)





6. Unterschiede zwischen den Infekten: akut und chronisch.

Wie bei Allergien und Autoimmunerkrankungen gibt es auch Infekte, die mit einer Erhöhung des Krebsrisikos in Zusammenhang gebracht werden. Der Unter­schied liegt jeweils in der Art des Infektes.

Während bei fiebrigen, akuten Infekten ein Schutz vor Krebs nachgewiesen werden kann, ist es bei chronischen Infekten genau umgekehrt.
Chronische Infekte können als das Resultat einer fehlerhaften Immunantwort des Organis­mus angesehen werden und daher steigt die Krebswahrscheinlichkeit mit der Zahl der chronischen Infekte. Sie sind also eher ein Indikator für eine Immunschwäche als eine Ursache für Krebs.

PURPOSE: Epidemiological studies have found an inverse association between acute infections and cancer development. In this paper, we review the evidence examining this potentially antagonistic relationship.
RESULTS: Exposures to febrile infectious childhood diseases were associated with subsequently reduced risks for melanoma, ovary, and multiple cancers combined, significant in the latter two groups. Epidemiological studies on common acute infections in adults and subsequent cancer development found these infections to be associated with reduced risks for meningioma, glioma, melanoma and multiple cancers combined, significantly for the latter three groups. Overall, risk reduction increased with the frequency of infections, with febrile infections affording the greatest protection. In contrast to acute infections, chronic infections can be viewed as resulting from a failed immune response and an increasing number have been associated with an elevated cancer risk.
(Hoption Cann SA, „Acute infections as a means of cancer prevention: opposing effects to chronic infections?”, 2006)


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